Lernen muss man wollen

Published by Tobias Hofmann on

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Vor einigen Jahren war ich Berater in einem internationalen Team mit Fokus auf UX, Cloud und mobile Lösungen. Der Großteil im Team war Senior Berater – zumindest laut Visitenkarte. Dazu gab es noch einen Juniorberater. Dieser war ohne Projekt und damit war auch das Ziel des Managers gesetzt: ein Projekt musste her. Nur, es gab fast keine – warum, dazu vielleicht später mal eine Geschichte.

Anfragen zu unterschiedlichen Themen gab es durchaus, und so gab es mal eine zu Single Sign-on mit SCP Neo und SAML 2.0 für den Zugriff auf das SCP Portal. Diese Anfrage ging schon eine Weile rum da erstaunlicherweise wohl niemand das notwendige Wissen hatte. An sich kein komplexes Thema, es ging auch nur um 2 Tage. Der Manager setzte den Juniorberater auf das Projekt an. Dieser war ja ohne Projekt und hatte somit viel freie Zeit die man mit Lernen füllen kann. Problem: er hatte über SSO keine Ahnung und wollte was mit Fiori machen und nicht mit SSO. Damit er trotzdem auf ein Projekt kommt – und da der Kunde schon angedeutet hatte das es bei Erfolg einen Nachfolgeauftrag gäbe – wurde ich als sein Schatten verpflichtet. Also: ich erstelle ein onboarding, stehe im Hintergrund für Fragen zur Verfügung und er führt die Konfiguration aus. Somit wurde ich damit beauftragt einen Wissenstransfer durchzuführen, damit der Kollegen zumindest die Grundlagen versteht und einigermaßen selbständig arbeiten kann. Schwer war die Aufgabe ja nicht wirklich, eigentlich nur die SAP Help Dokumentation anwenden. Zeit: 2 Wochen bis Projektstart. Der Plan: Ich helfe beim Einstieg in die Thematik, der Juniorberater vertieft dann selbständig in diese durch eigenes Lernen. Also eigentlich ganz normalen tägliches doing im Beraterleben.

Es ging natürlich nicht gut aus. Wäre dem so, würde ich wohl diesen Artikel hier nicht schreiben. Es gab mehrere Faktoren, und so ganz einfach ist eine Schuldzuweisung auch nicht – und soll das hier nicht sein. Es geht ja um die Lessons Learned.

Nach meiner eigentlichen Projektarbeit tagsüber erstellte ich nachts (22h -1h) einen Trainingsplan für‘s self-study. Neben SAML 2.0 Grundlagen, open SAP-Kursen gab es die Aufgabe SAML 2.0 mit der SCP Trial einzurichten – im Grunde war das Training schon die eigentliche Projektarbeit (der IdP des Kunden war natürlich anders). Nach der Übergabe des Materials gab es noch ein paar Meetings mit dem Juniorberater, um zu sehen, ob er fragen hätte und wie der Status ist. Da wir in unterschiedlichen Ländern waren und wegen gleichzeitiger Projektarbeit nur abends und remote. Das Feedback: alles OK.

Der große Tag kam näher und am Tag davor nochmals ein Meeting mit Manager, ihm und mir und die große Frage: alles klar? Traut er sich das zu? Die Antwort: Ja.

Am ersten Tag war er erstmal nicht zu erreichen, meldete sich aber dann abends: nichts geht, Fehler in der SCP und beim IdP des Kunden. Beim angesetzten remote Meeting kam dann folgendes heraus: die vom Kunden bereitgestellten Benutzer für die Konfiguration und Tests hatten noch das initiale Passwort. Initial war auch der SCP Account. Keine Metadaten waren exportiert oder gar importiert worden. Es war also nichts getan worden. Da die Konfiguration einfach war, führte ich die Konfiguration aus, damit zumindest diese Aufgabe durchgeführt war.

Am nächsten Morgen schaute ich ihm dann remote über die Schulter, um sicherzustellen das die Tests durchgeführt wurden und die Konfiguration dokumentiert war. Später gab es ein Übergabemeeting mit dem Kunden. Hier war er auf sich alleine gestellt – er war ja offiziell der verkaufte Berater und sollte ja auch die Folgebeauftragung sicherstellen. Funktional passte alles, SSO war endlich möglich. Das Kundenteam stellte dann noch ein paar Verständnisfragen zu SAML 2.0, also was ist ein IdP, was der SP, wie sieht der SAML Flow aus, für was der Austausch der Metadaten. Einfach wenn man die Grundlagen von SAML 2.0 kennt. In diesem Falle jedoch … es war ein Fiasko.

Die Nachbesprechung, um zu klären was denn alles schief gegangen war, war erst mal Flucht nach vorne. Die Lernmaterialien waren schlecht, das Thema für 2 Wochen zu komplex, keine Unterstützung, keine Hilfe, keine Hands-on Beispiele, und außerdem: er sei UX- und kein SSO Berater. Auf die Fragen was er denn die 2 Wochen lang getan hätte, warum er immer positives Feedback meldete, warum er das Beispiel nicht implementiert hat: er hat sich die openSAP Videos angeschaut. Die Videos. 2 Wochen lang. Durch die Videos der openSAP Kurse lernt man aber nicht eine SAML 2.0 Konfiguration durchzuführen. Das muss man schon mal selbst getan haben. Da er sonst kein Projekt oder andere Aufgaben hatte bleibt auf immer und ewig die Frage was er denn 2 Wochen lang gemacht hat.

Was kann man hier lernen? Manche Berater muss man zum Jagen tragen. Von einem in der Nacht zusammengestellten Trainingsplan darf man nicht einen bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Workshop und Tutorials erwarten. Nicht jeder kann selbständig lernen, oder will dies sogar. Wer nicht lernen will, der lernt auch nicht. Manche lernen auch nicht unter Druck. Wenn man ein Thema ablehnt, dann wird man es auch nicht lernen. Ein Manager sollte nicht nur der Allokationsquote wegen Leute auf ein Projekt verkaufen. Vor allem, wenn sie das Thema nicht interessiert. Man sollte sein Team respektieren. Ebenso sollte ein Manager auch nicht den Kunden nur als notwendiges Übel für die Umsatzgenerierung ansehen. Und leider: Dr. House hat recht, wenn er sagt: „Der Mensch lügt“. Also lasst euch Bestätigungen das alles super ist nicht nur mündlich geben, sondern auch schriftlich.

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Categories: Technology

Tobias Hofmann

Doing stuff with SAP since 1998. Open, web, UX, cloud. I am not a Basis guy, but very knowledgeable about Basis stuff, as it's the foundation of everything I do (DevOps). Performance is king, and unit tests is something I actually do. Developing HTML5 apps when HTML5 wasn't around. HCP/SCP user since 2012, NetWeaver since 2002, ABAP since 1998.

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